Die Ehre des Regenwurmes
 
"Regenwürmer sind zu töten, wo man sie findet" empfahl 1774 ein Gärtner in seiner "Gründlichen Anweisung zum Anlegen und Unterhalten eines wohlbestellten Blumengartens". Bis in das vorige Jahrhundert hinein hieß es "Nur ein toter Regenwurm ist ein guter Regenwurm". Der Regenwurm zernage die Pflanzenwurzeln und entziehe die für die Pflanzen so lebenswichtigen Nährstoffe.

Das wahre Wesen und Schaffen des Regenwurmes wurde erst vor 100 Jahren durch Charles Darwin, einem bedeutenden Naturwissenschaftler, entdeckt. Er wies ihre entscheidende Bedeutung für die Bodenfruchtbarkeit nach. In dem Buch "Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer" (1881) fasste Darwin seine Experimente mit dem Regenwurm zusammen.

Der Forscher nahm Kautabak in den Mund, tauchte Wattebällchen in Parfüm und hauchte die Würmer mit derart wechselndem Odem an. Ergebnis: Ihr Geruchssinn ist nur schwach ausgeprägt.

Darwin spielte den Würmern auch auf dem Klavier und dem Fagott vor, schrie auf sie ein und erzeugte durchdringende Töne auf einer Metallpfeife. Ergebnis: Würmer besitzen keinerlei Gehör.

Auch über Sehvermögen verfügen sie nicht, können aber zwischen Hell und Dunkel unterscheiden und reagieren mit panischer Flucht auf grelles Licht. Sie entgehen hierdurch der außerordentlichen Gefahr durch Tagtiere, die Jagd auf sie machen.

Die Würmer, so der englische Naturforscher, sind also furchtsam, aber auch temperamentvoll und äußerst genusssüchtig. Und kulinarisch wissen sie sehr genau zwischen Blatt und Blatt zu unterscheiden. Meerrettich, Sellerie und wilde Kirschen sind ihre Lieblingsspeisen, während Kohl sich bei Regenwürmern eher nur durchschnittlicher Beliebtheit erfreut.

Neben all den Versuchen zur Sinnesfähigkeit des Regenwurmes zeigte Darwin vor allem, dass die Würmer zu den wichtigsten Bodenbildnern gehören. Würmer bereiten den Boden hervorragend für das Wachstum der mit Wurzelfasern versehenen Pflanzen und für Sämlinge aller Art vor. Sie bringen die Ackererde mit der Luft in Berührung und sieben sie durch, dass keine Steinchen, die größer sind als die Partikel, die sie verschlucken können, übrigbleiben. Sie mischen das Ganze innig durcheinander, wie ein Gärtner, der feine Erde für seine ausgesuchtesten Pflanzen zubereitet.

Die Ehre des Regenwurmes war gerettet.

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© NUA 2004 Stand: 14.09.2004 - Ö/K/O/M (mst )